Älter werden – ein Buch von Silvia Bovenschen

Älter werden – ein Buch von Silvia Bovenschen

Vor wenigen Monaten ist Silvia Bovenschen gestorben. Und ich gestehe, erst durch die zahlreichen Nachrufe auf die bedeutende Literaturwissenschaftlerin, Autorin und Feministin bin ich auf Ihr Buch „Älter werden“ gestoßen. Sie hat es ungefähr in dem Alter geschrieben, in dem ich jetzt bin und es hätte mir durchaus auch rund zehn Jahre früher begegnen können. Zumal es damals etliche Monate auf der Spiegel-Bestsellerliste stand. Aber ich weiß noch sehr genau, dass mich zu der Zeit ganz andere Dinge umgetrieben haben und das Älterwerden gehörte definitiv nicht dazu. Obwohl wir das ja vom Tag unserer Geburt an tun, ohne uns allerdings drum zu scheren. Auch so eine der verdrängten Tatsachen, die uns Silvia Bovenschen in ihrem Buch vor Augen führt.

Älter werden - ein Buch von Silvia BovenschenEs ist der leise Humor, mit dem die Autorin die großen und kleinen Momente beschreibt, die uns spüren lassen, das wir tatsächlich jetzt auch zu denen gehören, die sich mit dem Älterwerden beschäftigen MÜSSEN. Einfach, weil es soweit ist. Das erste mal zum Beispiel, wenn man sich dabei ertappt, „zu meiner Zeit“ zu sagen. (Ist mir tatsächlich auch vor etwa drei Monaten passiert. Es war an der Kasse im Drogeriemarkt, wo eine junge Frau vor mir Zigaretten kaufte und die Kassiererin so einen Metallkäfig öffnete und eine Packung rausholte. Mir wurde bewusst (und ich hatte den Drang, das mitzuteilen), dass Zigaretten „zu meiner Zeit“ noch nicht hinter Gitter mussten, sondern es an jeder Ecke Automaten gab, in die man zwei Mark(!) steckte und die Kippen kamen raus. Und landeten in meinen 14jährigen Händen….Früher war, weiß Gott, nicht alles besser.)

Das sagt übrigens auch die große Silivia Bovenschen nicht. Wie auch? Sie lebte seit der Mitte ihrer Zwanziger mit der Diagnose MS, die sie schließlich in den Rollstuhl zwang. Trotzdem frönte sie genußvoll ihrem Laster, dem Rauchen, und trug auch bis zuletzt ihren knallroten Lippenstift, für den sie als Ikone der Frauenbewegung manchmal kritisiert wurde. Von ihrer Krankheit und zunehmenden Gebrechlichkeit handelt ihr Buch selbstverständlich auch. Aber unsentimentaler als sie kann man diese Einschränkungen kaum beschreiben.

Ihre langjährige Krankheit ist sicher der Grund dafür, dass der Prozess, über das älter werden nachzudenken, bei ihr früher eingesetzt hat, als bei vielen Altersgenossinnen. Dementsprechend reflektiert und treffend sind ihre Beobachtungen. Sie war in dieser Hinsicht ihrer tatsächlichen Zeit weit voraus.

Geboren wurde Silvia Bovenschen 1946 und deshalb sind ihre Kindheits- und Jugenderinnerungen natürlich andere als die der heutige 60jährigen. Doch sie sind trotzdem interessant auch für uns „Nachgeborene“, weil sie ein Stück bundesrepublikanischer Geschichte abbilden. Und spätestens bei den Reflexionen über verschwundene Begriffe wie Mannequin, Schnulze oder den wunderbar tantigen Ausruf „ach, Herrjemine“ erinnern wir uns an die untergegangenen Dinge aus „unserer Zeit“ wie Kassettenrekorder, Tipp-Ex oder Mini-Pli…

Ich lese gern immer wieder in diesem kleinen, lebensklugen Buch. Und so hat die Autorin es auch gedacht. Es ist keine Autobiographie, sondern es ist eigentlich, wenn es das damals schon gegeben hätte, eher ein Blog. Auch darin war diese wunderbare Frau Ihrer Zeit voraus.