Jungbleiben durch Sport…

Jungbleiben durch Sport…

…soll ja angeblich super funktionieren, war für mich aber die längste Zeit meines Lebens keine Option. Schon allein das Wort hat im Zusammenhang mit mir keine wirkliche Berechtigung. Was immer ich getrieben habe, Sport konnte man das zu keiner Zeit nennen. Dabei war ich als Kind sogar im Turnverein. Meine Mutter hatte mich da angemeldet und so lange sie mich hin brachte, habe ich auch am Turnen teilgenommen. Sobald ich allerdings alleine gehen durfte, habe ich mindestens jedes dritte mal geschwänzt und schließlich ging ich gar nicht mehr hin.

Danach war Sport lange kein Thema mehr. In der Schule hatten wir Mädels beinahe jede Woche unsere Tage, weil wir es spannender fanden, auf dem Mattenwagen zu hocken und die Zeit totzuschlagen, als uns auf dem Stufenbarren blaue Flecken zu holen. Der Zusammenhang Sport – Figur war uns damals noch kein Begriff, wie überhaupt der ganze Themenkomplex „Gewicht und Problemzonen“ noch keine wirkliche Bedeutung hatte.

Es gab zwar zwei, drei wirklich stark übergewichtige Mädchen in der Klasse, die „irgendwas mit den Drüsen“ hatten, aber der große Rest war mehr oder weniger normal. Wir haben ohnehin nicht unsere Hintern oder dergleichen verglichen, sondern bei uns waren es vor allem die Haare. Wer die längsten (und möglichst blonde) Haare hatte, war automatisch weit vorn. Da fiel ein dicker Popo nicht so sehr ins Gewicht. Früher war also doch manches besser.

Doch irgendwann kam Sport plötzlich im neuen Gewand daher. Mit Stirnband, Stulpen, einer Art Badeanzug und in Gestalt von Jane Fonda. Bewegung in einer Halle roch nicht mehr nach Schweißfüßen und Magnesiumkreide, sondern nach Hollywood und Sexappeal. Aerobic hatte die Provinz erreicht, überall schossen die Studios aus dem Boden, mit üblen Knebelverträgen und hoffnungslos überfüllten Kursen. Und in einem davon war selbstredend ich mit dabei.

Hochmotiviert und natürlich mit Stirnband und Stulpen stand ich eines Tages mit circa 50 Turnschwestern und zwei -brüdern auf dem von Bässen vibrierenden Holzboden. Der Kurs lief schon seit einigen Wochen, die Choreografie klappte ganz gut, allerdings nicht bei mir. Ich sollte an dieser Stelle erwähnen, dass „Links“ und „Rechts“ in meinem Gehirn genau anders herum verortet ist. Eine Laune der Natur, die es mir sehr schwer machte, den aerobischen Gruppenbewegungen zu folgen. Im Gegenteil, ich brachte die ganze Truppe durcheinander. Nach drei mal Aerobic war dann auch Schluss und ich habe die Stulpen an den Nagel gehängt. Zahlen für den Kurs musste ich allerdings noch ein ganzes Jahr.

Mein nächster Ausflug in die Welt der Fitness führte mich in ein Studio mit Maschinenpark und Nahrungsergänzungsmitteln. Der Trainer war hoch wie breit und nahm uns ordentlich ran. Eine drahtige alte Frau war seine Vorzeigeschülerin, deren austrainierter Körper uns Küken anspornen sollte. Wir fanden sie schrecklich, nicht zuletzt weil sie schon 42 war und wir der Meinung waren, in diesem Alter gehört sich sowas nicht mehr.

Nichtsdestotrotz hielt ich ein paar Monate durch. Und eines Tages fragte der Studiobesitzer, ob ich bereit wäre, für 50 Mark Tagesgage auf einer Sportmesse ein von ihm erfundenes Sportgerät zu beturnen. Ich war damals Studentin, hatte Zeit, konnte 50 Mark gebrauchen und sagte zu. Was ich nicht wusste, den Sportdress stellte er ebenfalls und der war knapp. Knapper als knapp. Und obwohl ich damals sicher in einer für meine Verhältnisse optimalen Form war, hatte ich trotzdem nicht den Körper für dieses Nichts an Sportbekleidung. Ich sah aus wie eine Presswurst, wenn auch eine schlanke Presswurst. Doch als solche unter den Blicken hunderter, vielleicht tausender Messebesucher auf einem Gerät rumzuturnen, bei dem die Bewegungen ebenfalls wenig schmeichelhaft sein würden – mir wurde schlecht.

Und ich konnte mich am Ende dann doch auf meinen Körper verlassen, wenn auch anders als mein Auftraggeber gedacht hatte. Mir war so konsequent schlecht, dass ich die meiste Zeit auf dem Klo der Messehalle zubringen musste. Meine Stipvisiten am Stand waren kurz, ich war grau im Gesicht und bestimmt kein guter Werbeträger für das Gerät. Abends hatte ich hohes Fieber, ich bekam meinen Fünfziger und konnte die engen Klamotten behalten. Am nächsten Tag hatte ich frei.

Es folgten immer mal wieder neue sportliche Anläufe. Wobei – wirklich gelaufen bin ich nie. Zu groß war meine Angst, dass mir die Gesichtszüge entgleisen. Ich hatte irgendwo mal vom Phänomen des sogenannten „Joggerface“ gelesen und das leuchtete mir vollkommen ein. Hängebacken durch Erschütterungen – das hätte mir gerade noch gefehlt. War auf jeden Fall immer eine prima Ausrede.

Immerhin habe ich einen wirklich tollen Crosstrainer zu Hause stehen. Und demnächst gehe ich da auch ganz sicher wieder drauf. Außerdem spiele ich Golf. Nicht oft und leider nicht besonders gut.

Aber eines, das habe ich tatsächlich angefangen UND durchgehalten. Seit fünf Jahren gehe ich sehr regelmäßig mehrmals in der Woche zum Yoga. Und warum ausgerechnet das bei mir so gezündet hat, dazu demnächst mehr.