Ich streiche – also bin ich

Ich streiche – also bin ich

Mein Mann wird gelegentlich von anderen Männern um seine Frau beneidet. Und zwar wegen meiner geheimen Leidenschaft. Die lebe ich in alten fleckigen Klamotten aus und bin für mehrere Stunden bis Tage völlig versunken. Je nach Umfang der zu streichenden Wände.

Vom Abkleben bis zum Pinselauswaschen – ich mache alles selbst. Und hinterher ist alles picobello. Morgens war das Schlafzimmer noch schnöde weiss, abends ist es in die Farbe „pale powder“ getaucht (ein müdes grün-blau-grau mit einen Anklang ins türkise) und sieht richtig edel aus. Und ich bin müde, aber tiefenentspannt. Mein Lohn ist in aller Regel eine Einladung zum Essen und die ungeteilte Bewunderung meines Mannes für mein Werk. ICH LIEBE ES.

Der Glücksforscher Mihaly Csikszentmihalyi spricht ja vom „Flow,“ wenn man so ganz und gar eins ist mit seiner Tätigkeit, so dass man weder merkt wie die Zeit vergeht, noch Müdigkeit oder Unlust verspürt. Und beim Anstreichen flowe ich geradezu durch den Tag. Ich mache das ja nur, wenn ich sonst nichts wichtiges zu tun habe. Keine Moderation vorbereiten, keinen Artikel fertig schreiben und keine Steuerunterlagen zusammenstellen. Keine Pflichten, nur Kür. Der Kopf ist frei und wird nicht sonderlich beansprucht. Entspannung pur. Und die geht schon mit der Wahl der richtigen Farben los.

Alle schön. Aber nur eins kann werden…

Ich gestehe, ich bevorzuge die von der englischen Manufaktur, deren Ladenlokale wie Nobel-Boutiquen aussehen. Die Farbtafeln bedecken eine ganze Wand und erinnern in der Präsentation an Regale voller bunter Kaschmirpullover. Und da kann man dann so kleine Probetöpfchen kaufen. Die Farbe streicht man auf weissen Karton (unbedingt zwei mal) und dann hält man die bei allen nur denkbaren Lichtverhältnissen an die entsprechenden Wände. Das kann schon mal ein paar Tage und mehre Töpfchen lang dauern. Irgendwann hat man sie dann rausgefiltert, DIE Farbe und dann kanns losgehen.

Das Abkleben ist lästig und für die meisten das Schlimmste an der ganzen Sache. Ich dagegen mache es gern. Wenn man gute Tapes dafür nimmt, kriecht die Farbe nicht drunter und man kriegt richtig saubere Ränder. Herrlich. Dann wird der Boden abgedeckt. Ich nehme dafür ausrangierte Wolldecken, die kann man immer wieder verwenden. Außerdem spritzen die englischen Farben so gut wie gar nicht.

Das Anstreichen selbst ist kein Hexenwerk. Nach dem ersten Anstrich denkt man, das wird nie was. Nach dem zweiten aber entsteht eine wunderschöne farbsatte Oberfläche und ich kann es kaum noch erwarten, die Tapes abzuziehen. Und wenn alles fertig ist, überlege ich, welche Wand als nächstes eine neue Farbe verdient hat.

So sieht es aus, wenn ich blau mache…WOW, oder?

Kürzlich habe ich allerdings in ungeeigneten Schuhen gestrichen. Der Sturz von der Leiter war schmerzhaft, aber verdient. Dass ich außer einem blitzeblauen Arm und einem Muskelfaserriss nichts weiter davongetragen habe, war großes Glück. Nochmal verlasse ich mich nicht darauf. Ich habe jetzt ein paar Sneakers ausrangiert, die komplettieren seitdem mein Fleckige-Klamotten-Outfit. Also, das mit den Flip-Flops beim Anstreichen – bitte nicht nachmachen.